In Karlsruhe sollen sich Bahnen künftig selbstständig auf dem Betriebshof bewegen, abgestellt und für ihren nächsten Einsatz bereitgestellt werden können. Die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK), die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) und Stadler Signalling Deutschland entwickeln und erproben hierfür gemeinsam Lösungen, mit denen zentrale Abläufe in Betriebshöfen künftig automatisiert werden können. Auf der Messe InnoTrans in Berlin unterschreiben die Partner dazu einen gemeinsamen Letter of Intent (LOI).
Im Fokus steht zunächst das automatisierte Rangieren innerhalb des Betriebshofs. Perspektivisch sollen die Fahrzeuge auch selbstständig abgestellt und für den nächsten Einsatz bereitgestellt werden können.
Entlastung für Mitarbeitende
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist der demografische Wandel. Automatisierte Betriebshofprozesse sollen Beschäftigte insbesondere von zeitintensiven und wenig attraktiven Routinetätigkeiten entlasten. Dazu zählen etwa das Rangieren sowie das Bereitstellen von Fahrzeugen nachts, am Wochenende oder bei schwierigen Witterungsbedingungen. Die Automatisierung erhöht die Attraktivität der Arbeitsplätze und schafft zugleich Freiräume, vorhandene Personalressourcen gezielter für betriebliche Aufgaben einzusetzen.
„Automatisierung bietet für den öffentlichen Nahverkehr großes Potenzial, gerade dort, wo heute viele Personalressourcen für wiederkehrende betriebliche Abläufe gebunden sind. Dieses Potenzial wollen wir gemeinsam mit Stadler unter realen Bedingungen erschließen. Unser Anspruch ist eine Lösung, die unsere Beschäftigten entlastet, mit der bestehenden Infrastruktur funktioniert und sich perspektivisch auch auf weitere Fahrzeuge und Betriebshöfe übertragen lässt“, sagt Christian Höglmeier, Technischer Geschäftsführer der VBK und AVG.
Die Intelligenz steckt im Fahrzeug
Eine Besonderheit des gemeinsamen Ansatzes ist die weitgehende Nutzung der bestehenden Infrastruktur. Statt den Betriebshof umfassend mit neuer Technik auszustatten, sollen die für die Automatisierung erforderlichen Funktionen überwiegend im Fahrzeug realisiert werden. Eine wichtige Grundlage dafür bietet die neue VDV-TramTrain-Plattform. Die erforderlichen Automatisierungsfunktionen sollen dabei möglichst ohne zusätzliche Infrastruktur im Betriebshof realisiert werden. Im Mittelpunkt stehen Software-Lösungen und darauf abgestimmte Betriebskonzepte.
Als erstes Entwicklungs- und Anwendungsfeld soll der Betriebshof West in Karlsruhe dienen. Dort sollen sich automatisierte Fahrzeuge künftig in einem gewachsenen Betriebshof mit komplexen betrieblichen Abläufen bewegen. Perspektivisch soll dabei auch ein Mischbetrieb mit älteren, nicht automatisierten Fahrzeugen möglich sein.
VBK und AVG bringen ihre betriebliche Expertise und den Betriebshof als reales Entwicklungsumfeld ein. Stadlers Division für Signaltechnik steuert seine Kompetenzen in den Bereichen Automatisierung, Leit- und Sicherungstechnik sowie Fahrzeugintegration bei.
“Die Automatisierung von Schienenfahrzeugen ist ein Schlüsselthema für den Bahnbetrieb der Zukunft und somit auch für uns. Die Anforderungen an einen automatisierten Betriebshof sind komplex und herausfordernd, wir freuen uns daher, gemeinsam mit VBK und AVG als erfahrenen Praxispartnern dieses Thema gemeinsam voranzutreiben”, sagt Marc Trippel, EVP Division Stadler Signalling.
“Mit dem Betriebshof West schaffen wir gemeinsam mit VBK und AVG ein reales Umfeld, um Automatisierung nicht nur technologisch zu entwickeln, sondern konsequent aus der betrieblichen Praxis heraus zu gestalten. Unser Ziel ist eine praktikable und skalierbare Lösung, die bestehende Infrastruktur intelligent einbindet, Mitarbeitende entlastet und sich perspektivisch auf weitere Fahrzeuge und Betriebshöfe übertragen lässt. Genau in dieser Verbindung aus Fahrzeug-, Leit- und Sicherungstechnik liegt eine besondere Stärke von Stadler“, so Albrecht Teich, CEO Stadler Signalling Deutschland GmbH.
Die gemeinsam entwickelten Lösungen sollen skalierbar sein und perspektivisch auch auf weitere Fahrzeugflotten und andere Betreiber übertragen werden können. Dabei baut Stadler auf Erfahrungen auslaufenden Automatisierungsprojekten im Depotumfeld auf, darunter auch in der Schweiz.
Mit dem Letter of Intent schaffen die Partner die Grundlage, konkrete Anwendungsfälle weiterzuentwickeln und anschließend unter realen betrieblichen Bedingungen zu erproben.